Dienstag, 6. Mai 2014

Flagstaff

Nach gut zweieinhalb Wochen Großstadt, Küste und Meer zog es mich schließlich ins Landesinnere. Mit dem Greyhound Bus fuhr ich in knapp 12 Stunden über Phoenix nach Flagstaff, Arizona und sah beeindruckt zu, wie sich die Landschaft stetig veränderte: Von Palmen über zerklüftete Felsen über Sanddünen bis hin zu weiten, ausgetrockneten Feldern mit wenig Vegetation. In Flagstaff wollte ich erst einmal ein wenig zur Ruhe kommen, die ersten Eindrücke verarbeiten  und die Natur genießen. Denn Flagstaff ist nicht nur eine kleine Stadt, die ein wenig Wild West Charme verbreitet, sondern vor allem auch ein zentraler Punkt für Ausflüge in den Grand Canyon und weitere sehenswerte Nationalparks in der Umgebung.

Bevor ich mich jedoch dem „Studium der Schönheiten der Natur“ ;) widmen konnte, galt es noch eine Mission zu erfüllen: Kieferorthopäden finden und Retainer reparieren lassen. Ersteres war einfach. Es stellte sich allerdings heraus, dass der Orthopäde montags nicht im Hause ist und ich daher noch einen Tag länger warten musste. Hmpf! Aber egal, ein paar Kaugummis hatte ich noch.

Am nächsten Morgen war es dann endlich soweit. Die Praxis erweckte sofort einen wohlhabenden und hochtechnologisierten Eindruck: Überall hingen Flachbildschirme, im Wartezimmer gab es eine Playstation und im Empfangsbereich lag ein Buch, in dem sich die beiden behandelnden Kieferorthopäden bildreich vorstellten. Im Behandlungszimmer reihten sich dann vier Zahnarztstühle aneinander und weitere Flachbildfernseher, die den Film Shrek zeigten.

Ich war noch nicht fertig mit Staunen, da war ich auch schon an der Reihe. Der Orthopäde stellte fest, dass sich der Retainer an insgesamt vier von fünf Zähnen gelöst hatte und es sich nicht lohnen würde, ihn wieder anzukleben. Stattdessen empfahl er mir, den Draht und die Klebereste zu entfernen und einen sogenannten Clear Retainer anzufertigen. Das ist eine Art durchsichtige Beißschiene, die man mindestens nachts tragen muss, damit sich die Zähne nicht verschieben. Dann sagte er, dass er für diese Behandlung normalerweise 300 USD berechnet. Mir wollten schon meine ungläubigen Äuglein aus dem Kopf kullern, da meinte er, dass er versteht, dass dies ja eine besondere und blöde Situation für mich ist, und dass er den Preis daher um die Hällte reduzieren würde. Das war zwar immer noch ein ziemlicher Batzen Geld, aber immerhin. Also gesagt, getan. Und weil hier alles ein bisschen extravaganter zu sein schien, durfte ich mir für die Masse, mit der der Abdruck der Zähne gemacht wird, sogar eine Geschmacksrichtung aussuchen (die Auswahl umfasste eine DIN A4 Seite). Alles in allem war es eine recht geschmeidige Lösung und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. An dem Tag war ich aber auch einfach nur froh, endlich das lose Ende nicht mehr im Mund zu haben.

Flagstaff selbst war sehr überschaubar, was ich nach den Großstädten aber als durchaus angenehm empfand. Das historische Zentrum hat man in ungefähr einer Stunde erkundet, touristische Sehenswürdigkeiten gibt es kaum. Als ich zum Sonntagabend um 21:30 Uhr auf der Suche nach einem Lokal war, um noch etwas zu Abend zu essen, wurde ich enttäuscht. Alles hatte bereits geschlossen. Auch das Klima war eine kleine Umstellung: Verwöhnt von der kalifornischen Sonne, überraschten mich der raue Wind und die kühlen Nächte zunächst. Dabei ist es kein Wunder: Flagstaff liegt auf über 2100 m Höhe und ist eine der höchsten Städte der Vereinigten Staaten. Am Ende gefiel es mir aber so gut, dass ich statt der ursprünglich geplanten vier Tage fast eineinhalb Wochen in Flagstaff verbrachte.

Flagstaff

Wie sich schnell herausstellte, war es ziemlich schwierig (und wenn, dann extrem kostspielig) ohne Auto Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen. Um den Grand Canyon zu sehen, schloss ich mich daher einer geführten Tour des Hostels an. Diese führte uns durch das Painted Desert zum Desert View Watchtower im südlichen Bereich, von wo aus man den ersten atemberaubenden Blick über den Grand Canyon hat, der einfach durch seine massive Erscheinung beeindruckt. Man kann nur ca. 10 % des Canyons mit einem Mal überblicken und allein dies ist schon spektakulär. Die extreme Größe dieses Naturwunders kann man sich in seiner Gesamtheit kaum vorstellen.

99 % der Besucher des Canyons bleiben oberhalb des Canyons und bestaunen die Weite. Nur wenige laufen auf einem der zahlreichen Wanderwege auch ein paar Meter in den Canyon hinein. Wir gingen immerhin ein paar Meilen den Kaibab Trail hinab zum sogenannten Ooh Aah Point und genossen die Aussicht. Viel Zeit blieb uns allerdings nicht, denn für den Weg, den man in 20 Minuten hinab geht, benötigt man ca. 60 Minuten wieder hinauf. Zum Abschluss des Tages legten wir noch den Trail of Time Rim Walk zurück und bestaunten schließlich das Farbenspiel der untergehenden Sonne.






Bevor ich diese Reise antrat, war meine größte Angst, sie allein zu unternehmen. Ich war unerfahren darin auf diese Weise zu reisen, ich war noch nie in diesem Land und ich bin fremden Menschen oder größeren Menschenmengen gegenüber, sagen wir, eher verschlossen. Und nun war ich darauf angewiesen jederzeit über meinen Schatten springen zu müssen, offen auf andere zuzugehen, das Gespräch zu suchen oder mich auf eines einzulassen – und dann auch noch auf Englisch. Aber wie so oft, sollte auch diese Angst völlig unbegründet bleiben. Hat man die Hürde einmal genommen, was letztlich gar nicht so schwer ist, dann bleibt man auch nicht lange allein. Ständig und überall kommt man mit Leuten ins Gespräch, sei es in der Bahn, beim Einkaufen oder natürlich vor allem im Hostel. Man unterhält sich mit Zimmergenossen, im Gemeinschaftsraum oder beim Frühstück. Die Gespräche sind oftmals mehr oder weniger dieselben: Wie heißt du, woher kommst du, wo bist du schon gewesen, was machst du heute etc.? Aber sie helfen einem auch schnell herauszufinden, wer einem sympathisch ist und wer nicht. Und dann tut man sich mit anderen zusammen, weil man eventuell dieselben Pläne hat oder weil man dann einfach welche zusammen schmiedet.

So traf ich z. B. beim Frühstück im Hostel auf Andreas. Wir unterhielten uns über unsere Pläne und entschlossen uns schließlich spontan gemeinsam ein Auto zu mieten und nach Sedona zu fahren. Dort parkte wir im Red Rock National Park und bahnten uns von da aus unseren Weg zum Cathedral Rock, den wir erklimmen wollten. Der Wanderweg führte uns über staubige Wege mitten durch die Prärie und endete nach einer gefühlten Ewigkeit irgendwo auf halbem Wege den Berg hinauf. Ab da war klettern angesagt.

Leider war es an diesem Tag unheimlich heiß und die Sonne brannte unentwegt vom Himmel herab – Schattenplätze waren Mangelware. Schon nach ein paar Metern Kletterei merkte ich, dass mir schwindelig wurde. Vor meinen Augen bildeten sich schwarze Punkte. Ich setzte mich, atmete tief durch und haderte mit mir, ob ich weiter gehen sollte oder nicht. Du musst es wenigstens versuchen, dachte ich mir, und kletterte weitere zwei Meter hinauf. Da begann ich aber schon wieder zu zittern und wusste, dass es vorbei war. Es nützte ja nichts und wir mussten schließlich auch noch den ganzen Weg wieder zurück zum Auto gehen. Also suchte ich mir einen schattigen Platz, machte Rast und wartete auf Andreas, der bis nach oben kletterte. Die Aussicht war auch hier wunderschön.

Um zum Parkplatz zurück zu kommen, mussten wir barfuß den Oak Creek River durchqueren. Dieser war milder als wir erwartet hatten und so gönnten wir uns an einer ruhigen Stelle kurzerhand ein kleines Bad. Das tat gut! Erfrischt setzen wir unseren Weg fort und schafften es letztlich pünktlich zum Sonnenuntergang wieder zum Auto. Zurück im Hostel fiel ich dann sofort erschöpft ins Bett und schlief wie ein Stein.
   
Cathedral Rock

Kletterei

Erfrischung

Andreas und ich

Cathedral Rock im Abendlicht

Ich kam außerdem mit meiner Zimmergenossin Amanda ins Gespräch und erzählte ihr, dass ich unbedingt das Monument Valley und den Antelope Canyon sehen wolle, ohne Auto aber nicht wüsste, wie ich diese erreichen könne. Wie es der Zufall so wollte, hatte Amanda auch Interesse daran diese Dinge zu sehen und noch dazu ein Auto, ein Zelt und keine Pläne für das kommende Wochenende. Also lieh ich mir im Outdoorladen um die Ecke für günstiges Geld Schlafsack und Isomatte und schon konnte es losgehen.

Auf dem Weg zum Monument Valley machten wir einen kurzen Zwischenstopp bei Sonic, um uns etwas zu essen zu bestellen. Das ist deshalb erwähnenswert, weil es einfach unfassbar ist, dass diese Dinge wirklich existieren, denn bestellen geht bei Sonic so: Man fährt mit dem Auto ähnlich wie bei einer Tankstelle an eine Station mit einer Tafel mit dem Menü und einer Gegensprechanlage. Dann gibt man seine Bestellung auf, ohne dass man das Auto verlassen muss. Erst einmal nicht so ungewöhnlich. Zwei Minuten später kommt jedoch eine Kellnerin auf Rollschuhen (!) mit dem Essen zum Auto gefahren, übergibt dieses, kassiert und fährt wieder nach drinnen zur nächsten Bestellung. Unglaublich!

Einmal im Monument Valley angekommen, fühlt man sich direkt in eine andere Zeit versetzt und es wird einem erst beim Anblick der berühmten „Mittens“ bewusst, wie sehr man dieses Bild automatisch mit dem Wilden Westen assoziiert. Es ist aber auch ein toller Anblick. Wirklich viel unternehmen kann man hier allerdings nicht. Es gibt genau zwei Dinge: 1. Den Wildcat Trail wandern und 2. Den 17-Mile-Drive fahren. Beides haben wir getan, wobei besonders der 17-Mile-Drive für viel Spaß sorgte, weil dieser über eine unwegsame und unbefestigte Straße führte. Möchte man sein Auto diesen Strapazen nicht aussetzen, kann man natürlich auch eine Tour für 85 USD mieten und man hat fast das Gefühl, die Straße sei absichtlich zu diesem Zweck in einem schlechten Zustand gehalten worden.

Ein kleiner Abstecher führte uns außerdem ins angrenzende Utah zum Mexican Hat, einer Felsformation, die einem Sombrero tragenden Mann ähnelt.

"Mittens"




Mexican Hat

Ausblick vom Campingplatz


Am zweiten Tag ging es dann früh raus und zum Lower Antelope Canyon. Wir waren ja einmal in der Umgebung, denn der Canyon ist vom Monument Valley „nur“ ca. zwei Stunden Autofahrt entfernt. Wer eine Zeit lang in den USA verbringt, der weiß, dass das in der Tat eine vergleichsweise kurze Entfernung ist. Der Canyon ist allerdings nicht frei begehbar, sondern kann nur mit einer geführten Gruppe betreten werden. Dies tut der Schönheit dieses einzigartigen Ortes aber keinen Abbruch. Jede Kurve, um die man geht, hält einen neuen faszinierenden Blick bereit. Die Farben der Felswände wirken auch in der Realität unnatürlich und künstlich.





Als krönenden Abschluss meines Aufenthalts in Flagstaff, erfüllte ich mir einen weiteren lang gehegten Traum: Ein 45minütiger Helikopterflug über den Grand Canyon. Mit dem Arizona Shuttle fuhr ich zum Flughafen, wo mir die nette Dame an der Rezeption beim Gewichtscheck erklärte, dass ich 10 Pfund weniger wiegen würde als  ich bei meiner Reservierung angegeben hatte. Die Zeit bis zum Start des Fluges verbrachte ich daher mit Grübeln über mein mysteriöses Abnehmen trotz (oder wegen?) des übermäßigen Konsums von Fast Food und Softdrinks.

Im Helikopter selbst fanden neben dem Piloten sieben weitere Personen Platz: Drei vorn und vier hinten. Die Verteilung erfolgte nach Körpergewicht und ich fand mich plötzlich in der glücklichen Position als Copilot wieder. So hatte ich nicht nur uneingeschränkten Ausblick auf die Instrumente, sondern auch den frontalen Blick durch die fast vollständig verglaste Frontscheibe. Dass ein Flug in einem Helikopter aber etwas anderes ist als in einem Flugzeug, wurde nach dem Start recht schnell klar. Windböen machen sich ziemlich unmittelbar bemerkbar, der Helikopter gleicht nahezu permanent Luftströmungen aus. Obwohl ich normalerweise weder mit Fliegen noch mit Höhe an sich Probleme habe, merkte ich bald, dass sich ein Gefühl des Unwohlseins in mir breit machte und ich war froh, nach dem Flug wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. So konnte ich den atemberaubenden Ausblick leider nicht in vollen Zügen genießen. Nichtsdestotrotz bin ich sehr glücklich, den Flug gemacht zu haben. Aber ich weiß nun auch, ich würde es nicht wieder tun ;)

Bereit?

Los geht's!



wieder am Boden


Sonntag, 20. April 2014

San Diego

Zusammen mit Sandra und Svenja ging es also über die teilweise 12-spurige (!) Autobahn Richtung San Diego. Kurze Pausen machten wir dabei in Long Beach und Oceanside. Unser Hostel in Ocean Beach befand sich, wie sich schnell zeigte, nicht nur in unmittelbarer Strandnähe, sondern offenbar auch in einer Art Hippie Hochburg. Es war von außen bunt angemalt, hatte ein großes Peace Zeichen auf dem Dach und rund 80 % des Personals trugen Rastazöpfe. Zumindest handelte es sich hier um eine entspannte Gegend und genau so verbrachte ich auch einen Großteil der kommenden Tage: Entspannt. Ein gutes Buch, ein bisschen Strand und mexikanisches Essen – was braucht man mehr?!

das Hostel

Ocean Beach

Palme am Strand

Sonnenuntergang

Ein paar Ausflüge boten sich aber dennoch an. Der erste führte Sandra, Svenja und mich ins nahe gelegene Tijuana, Mexiko. Die Stadt liegt unmittelbar an der Grenze zu den USA und ist vor allem wegen zweierlei Dingen bekannt: Zum einen als Partyhochburg, weil sowohl die Getränkepreise als auch die Altersgrenze für den Konsum von Alkohol deutlich niedriger sind als in den USA, zum anderen aber auch als berüchtigter Drogenumschlagsplatz und Zentrum für Prostitution. Es wird daher davon abgeraten die Stadt nach Sonnenuntergang zu besuchen. Und weil wir so vernünftige und erwachsene Menschen sind, sind wir deshalb natürlich wann hingegangen? Richtig, nach Sonnenuntergang. Wir sollten ja auch kein Sightseeing betreiben, sondern – wieder richtig – Tequila trinken. Aber wie hätte ich sicherer unterwegs sein können? Sandra und Svenja sind beide ausgebildete Polizistinnen.

Schon die Busfahrt nach Tijuana war ein kleines Highlight. An einer Haltestelle sprang plötzlich ein Irrer in den Bus und beschimpfte lautstark einen anderen Fahrgast, weil dieser angeblich ein Messer bei sich trug. Der Busfahrer warf den Irren raus, der sich daraufhin demonstrativ vor den Bus stellte, sodass wir nicht weiter fahren konnten, und wild gestikulierend die Polizei rief. Innerhalb kürzester Zeit rückten ganze vier Streifenwagen an. Eine Beamtin fragte die Businsassen, ob sie ein Messer gesehen hätten. Alle schüttelten den Kopf. Der Irre wurde schließlich in Handschellen abgeführt und wir durften unsere Fahrt fortsetzen.

Der Grenzübergang war überraschend unkompliziert. Man geht einfach durch ein Drehkreuz, über dem in Großbuchstaben Mexiko steht, und schon ist man da: In Mexiko. Niemand kontrollierte unsere Pässe oder unser Gepäck. Erst auf dem Weg zurück in die USA mussten wir unsere Pässe vorzeigen. Das war’s. Jeder Security Check am Flughafen ist intensiver. Hauptsache da muss man seine Handcreme in einen wiederverschließbaren Plastikbeutel packen oder seine Schuhe ausziehen, aber wenn ich nach Mexiko gehe bzw. von dort zurück komme, interessiert niemanden was sich in meinem Rucksack befindet…

Tijuana selbst war letztlich ziemlich unspektakulär. Da, wo am Wochenende vermutlich der Bär steppt, ist unter der Woche (es war Dienstag) leider überhaupt nichts los. Das hatte zumindest den Vorteil, dass sich alle Bars um uns rissen, sich in den Preisen unterboten und uns wie VIP’s behandelten. Wir hatten also trotzdem einen schönen und lustigen Abend und mussten uns auch zu keiner Zeit unsicher fühlen.

Grenzübergang

Partymeile

Nix los?

Egal, wir haben trotzdem Spaß!

Einen weiteren Ausflug unternahm ich zur Südspitze der Point Loma-Halbinsel. An dieser historischen Stelle betrat am 28. September 1542 der portugiesische Entdecker Juan Rodriguez Cabrillo als erster Europäer die Westküste Amerikas. Ihm zu Ehren wurde ein Denkmal errichtet. Bei gutem Wetter hat man hier zudem einen guten Blick auf die Skyline von San Diego.

Interessant ist diese Gegend aber vor allem auch wegen der auf der Westseite befindlichen Gezeitenpools. Während der Flut wird die felsige Küste überspült. Wenn das Wasser zu Ebbezeiten schließlich zurück geht, entstehen in den zahlreichen Ausbuchtungen kleine Seen, in denen verschiedene Meeresbewohner (Anemonen, Muscheln etc.) vorübergehend gefangen werden. Erst mit der nächsten Flut werden sie wieder hinaus ins Meer gespült. In der Zwischenzeit kann man die Geschöpfe beobachten. Anfassen und / oder mitnehmen ist allerdings verboten.

Küste

Felsformation

Gezeitenpool

Cabrillo Monument

Point Loma Lighthouse

Im Hostel bot sich endlich die Möglichkeit meine kaputte Hose zu flicken – hah! An der Rezeption konnte ich mir Nadel und Faden leihen und meine Kenntnisse aus dem Werkunterricht der Grundschule zur Anwendung bringen. Schön ist das Ergebnis zwar nicht unbedingt, dafür aber zweckmäßig. Den ersten Test – Waschmachine und Trockner – hat die Naht zumindest unbeschadet überstanden.

Wenn man so eine Reise unternimmt, muss man sowieso schnell lernen, sein Herz nicht allzu sehr an die wenigen materiellen Dinge, die man bei sich hat, zu hängen. Dinge gehen kaputt oder verloren. Andererseits findet oder kauft man aber auch Neues oder bekommt es gar geschenkt. In Redondo Beach z. B. habe ich zum allerersten Mal meine neu gekaufte helle Trekkinghose getragen, nur um mich direkt in einen Ölfleck zu setzen. Die schwarzen Punkte zieren nun für immer den Popo der Hose. Das ist zwar ärgerlich, aber eben nicht zu ändern. Hier eine Übersicht zum status quo:

Bisherige Verluste: USB-Kabel für MP3-Player, Hülle für Brillenputztuch, Brillenetui, vorübergehend schwarze Ohrringe – sind aber wieder aufgetaucht, puh!

Beschädigte (oder unwiderruflich beschmutzte) Dinge: 2 Hosen, 1 T-Shirt, 1 Uhr, 1 Kugelschreiber

Bisherige Gewinne: 1 Pullover, 1 T-Shirt, 1 Reiseführer Osten der USA, 3 Bücher (Veronica Mars, Bridget Jones, Pretty Little Liars)

unbeabsichtigter "Used Look"

Mein letzter Abend in Ocean Beach war noch einmal sehr unterhaltsam. Im Hostel kam ich mit einem Mittfünfziger ins Gespräch, der sich als James vorstellte und in seinem Leben offenbar ein paar Joints zu viel geraucht hatte. Wir gingen zusammen essen und er erzählte ziemlich viel wirres Zeug, von Tree Sitting Protesten (Baumbesetzung), Kuba und der friedlichen Revolution. Eine Frau am Nachbartisch, die unser Gespräch bzw. seinen Monolog offenbar verfolgt hatte, ereiferte sich plötzlich lautstark darüber, dass es beschämend sei wie er die amerikanische Kultur gegenüber Europäern präsentiert und verlies wütend das Lokal. James ließ sich nicht beeindrucken. Er erzählte mir, dass der Grund dafür, dass die Europäer denken, dass die Amis einen an der Klatsche haben, ist, dass … ach, ich weiß es schon gar nicht mehr. Ich traute mich jedenfalls nicht ihm zu sagen, dass der Grund dafür, dass die Europäer denken, dass die Amis einen an der Klatsche haben, Leute wie er sind. Es war einfach zu lustig.

Am darauffolgenden Tag checkte ich schließlich aus, verließ den Strand und wechselte in ein Hostel, welches in San Diego Downtown gelegen ist. Wenigstens für einen Tag wollte ich die Innenstadt erkunden. Das ist sicher nicht genug Zeit, um sich ein vollumfassendes Bild zu machen, aber nach San Francisco und Hollywood stand mir der Sinn nicht unbedingt nach noch mehr Großstadtrummel. Sehenswert waren auf jeden Fall das Einkaufszentrum Westfield Horton Plaza, welches sich über sechs offen gestaltete Etagen erstreck und den Eindruck eines riesigen Cafés vermittelt, Seaport Village mit seinen vielen kleinen Geschäften und der Balboa Park, die grüne Lunge der Stadt.

Hafen

Westfield Horton Plaza

Willy

Seaport Village

Balboa Park

Bevor ich mich am nächsten Tag schließlich von Kalifornien verabschieden sollte, um mit dem Greyhound Bus in nordöstliche Richtung zu fahren, wollte ich noch ein letztes Mal mexikanisches Essen genießen. Als ich gerade genüsslich in meine leckere Quesadilla biss, spürte ich plötzlich, dass sich in meinem Mund etwas dramatisch veränderte. Schnell fand ich heraus, was es war: Der Kleber meines oberen Retainers (ein dünner Metalldraht, der oben und unten hinter den vorderen Zahnreihen angebracht ist, um die Zähne auch nach der festen Zahnspange weiterhin zu stabilisieren) war an mindestens drei Zähnen abgegangen und nun baumelte das eine Ende lose in meinem Mund herum. Oh nein! Das Ding hält seit sieben Jahren und nun geht es kaputt??? Argh! Über www.yelp.com (übrigens sehr zu empfehlen!) versuchte ich den nahe gelegensten Kieferorthopäden ausfindig zu machen, aber zum Samstagabend hatten natürlich alle Praxen schon geschlossen – verdammt! Also kaufte ich mir vorerst nur ein paar Kaugummis und versuchte mit diesen das lose Ende einigermaßen am Zahn zu befestigen, damit der Draht erstens nicht noch abbricht und ich mich zweitens mit dem scharfen Ende nicht zu sehr im Mund verletze. Der erste Auftrag für meinen neuen Aufenthaltsort stand damit schon einmal fest: Finde einen Kieferorthopäden und lass den Retainer reparieren. Fortsetzung folgt…

Montag, 14. April 2014

Hollywood

Die erste Person, der ich in Hollywood begegnete, war Gregg Donovan. Direkt nach meinem Ausstieg aus dem Bus begrüßte er mich in Frack und Zylinder mit den Worten „Welcome to Hollywood. You have arrived!“. Na, wenn das mal kein netter Empfang ist. Er stellte sich als der offizielle Begrüßer von Hollywood vor und zeigte mir hilfsbereit den gut versteckten Eingang zum Hostel.

Anschließend erkundete ich den berühmten Hollywood Boulevard. Dessen Gehwege sind zu beiden Seiten mit den Sternen des Walk of Fame  gesäumt. Außerdem befinden sich hier das Kodak Theatre, das Graumann’s Chinese Theatre, Madame Tussauds usw. Geht man den Boulevard einmal hoch und wieder herunter, verschwindet jedoch jegliche Illusion und es reift schnell die Erkenntnis: Hollywood ist nur im Fernsehen glamourös. Die Sterne sind lieblos in den Boden eingelassen, die Platten z. T. beschmutzt oder sogar zerbrochen. Die ganze Straße ist hoffnungslos überfüllt mit Touristen und als Superman, Spiderman, Captain America oder Batman verkleideten „Künstlern“, die den Besuchern für ein Foto das Geld aus der Tasche locken. Alle paar Meter wird einem ein neuer Flyer für eine überteuerte Studiotour vor die Nase gehalten. Hier und da kniet ein Obdachloser und bettelt um Geld.

Das Hollywood Zeichen kann man vom Hollywood & Highland Center aus zwar sehen, es ist aber endlos weit weg. Möglichkeiten auch ohne Auto näher an dieses heranzukommen sind vermutlich vorhanden, wurden von mir aber gar nicht erst weiter erforscht. Ein Schnappschuss aus der Ferne muss eben genügen.

Etwas ernüchtert begab ich mich daher zurück zum Hostel und lief dabei erneut Gregg Donovan in die Arme. Dieser hatte gerade Feierabend und lud mich spontan auf ein Stück Pizza und Weißwein ein. Dabei erzählte er mir, dass er zuvor jahrelang am Rodeo Drive tätig war und die Menschen in Beverly Hills begrüßte, bevor er aus Kostengründen entlassen wurde und nach Hollywood wechselte.

Hollywood Boulevard

Graumann's Chinese Theatre

Finger-und Fußabdrücke der Harry Potter Hauptdarsteller

Walk of Fame

Hollywood Zeichen

Am nächsten Tag ging es Richtung Strand. Zuerst besuchte ich den Santa Monica Pier. Dort reihen sich diverse Fahrgeschäfte, Souvenirshops und Imbissbuden aneinander. Viel mehr als einmal über den Pier zu laufen lohnte sich jedoch nicht, sodass ich mich gar nicht lange aufhielt und am Strand entlang zum nahe gelegenen Venice Beach spazierte. Unvoreingenommen zog ich meine Schuhe aus und ging bis vor zum Wasser. Dann kam die erste Welle und ich musste erst einmal scharf Luft holen: Das Wasser war eisig kalt! Nach ein paar Minuten hatte ich mich zwar daran gewöhnt, aber ich hatte doch tatsächlich ein paar Verrückte im Meer baden sehen, brrr.

Der Venice Beach ist in der Tat einer der besten Orte für Selbstdarsteller. Auf ca. 3 km Länge befinden sich hier endlose Verkaufsstände. Mittendrin finden sich Breakdancer, Musiker unterschiedlichster Art, Maler, Künstler, Artisten, Skater etc. Zwei Frauen mittleren Alters tanzten zu der Trommelmusik einer Bongogruppe, ein älterer Herr mit langen Haaren spielte auf einer E-Gitarre und wirbelte diese wild herum, ein anderer fuhr seine Gitarre spielend auf Rollschuhen herum, Kiffer erzählen von Liebe und Frieden, Wahrsagerinnen legen Tarotkarten oder lesen dir aus der Hand, einige fahren einfach nur auf prolligen Fahrrädern herum. Ziemlich am Ende der Meile befindet sich der sogenannte Muscle Beach, an dem einst Arnold Schwarzenegger seine Karriere begann. Hier kann man überdurchschnittlich trainierten Männern und Frauen beim Gewichte heben zuschauen. Gleich daneben spielen andere Leute Tennis und Basketball oder fahren auf der Skaterbahn. Es ist ein wahres Spektakel und der Unterhaltungswert ist hoch. Hier kann man Stunden einfach nur mit gucken verbringen.

Venice Beach






Santa Monica Pier


Das Hostel hatte nicht nur eine unschlagbare Lage, sondern bot auch viele Möglichkeiten, um nette Leute kennen zu lernen. Eine dieser netten Leute war Vera, die mit in meinem Zimmer übernachtete. Wir hatten beide lange geschlafen und beschlossen spontan den Tag gemeinsam zu verbringen. Nach einem ausgedehnten Frühstück bei ihop und einem gemütlichen Verdauungsspaziergang über den Sunset Boulevard fuhren wir zum Universal Studio Citywalk, der sich vor dem Eingang zu den Universal Studios befindet und frei zugänglich ist. Wir kauften uns Süßigkeiten im größten Süßigkeitenladen, den ich je gesehen habe, schauten einem Karikaturzeichner zu, dessen Karikatur von drei älteren asiatischen Damen viel besser aussah als die Originale selbst, und gönnten uns einen riesigen ice blended Vanilla Mocha. Manchmal ist es so einfach große Kinder glücklich zu machen ;)

Universal Studios

City Loft

City Walk

it'sugar

Smarties

Zwei Abende zuvor hatte ich außerdem Sandra und Svenja kennengelernt. Die beiden waren gerade von Hawaii gekommen, hatten einen Wagen gemietet und ihre nächste Station sollte genau wie bei mir San Diego sein. Weil wir uns auf Anhieb gut verstanden, boten sie mir an mich mitzunehmen. Das nahm ich natürlich dankend an und verlängerte dafür meinen Aufenthalt in Hollywood um einen weiteren Tag. Diesen verbrachte ich zusammen mit Sandra am Redondo Beach, wo wir Delfine beim Spielen im Meer beobachteten und ein bisschen die Seele baumeln ließen. Abendessen gab es dann in der Cheese Cake Factory. Dort sind die Portionen noch größer als sowieso schon (davon kann ich ungefähr drei Tage lang essen und zwar jeweils morgens, mittags und abends) und der Kellner fragt alle zwei Minuten, ob alles in Ordnung ist. Die Cheese Cakes selbst, welche mit zwei (!) Häubchen Sahne serviert werden, sind wirklich lecker, verkleben einem aber auch ganz schön den Magen. Über die Anzahl der Kalorien denkt man lieber gar nicht erst nach.

Redondo Beach Pier

Hafen

Sonnenuntergang


Fazit: Wer in Hollywood Glitzer und Glamour erwartet, wird zunächst enttäuscht werden. Man muss schon ein bisschen danach suchen. Nichtsdestotrotz hatte ich hier eine wirklich gute Zeit und fand es fast ein bisschen schade weiter zu ziehen. Das hielt jedoch nicht lange an, denn es warteten ja neue schöne Dinge auf mich...