Dienstag, 14. April 2020

Orlando

Die Weiterfahrt nach Orlando lässt sich am besten wie folgt zusammenfassen: lang und günstig. Sie dauerte anstrengende 12 Stunden, kostete jedoch nur schlappe 20 USD. Das ist im Preis-Leistungs-Verhältnis nahezu unschlagbar. Unmittelbar getrübt wurde dieses Schnäppchen jedoch von der sich anschließenden Taxifahrt ins Hostel: Diese dauerte nur ca. 45 Minuten, kostete dafür aber stolze 70 USD. So läuft's eben manchmal.

Für mich gab es genau zwei Gründe nach Orlando zu fahren: SeaWorld zum einen und die Universal Studios in Kombination mit der Universal's Island of Adventure zum anderen. Beide Attraktionen sollten jeweils für sich ein außergewöhnliches Highlight werden, aber der Reihe nach:

Für den ersten Tag stand SeaWorld auf dem Programm und ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Schon seit meiner Kindheit bin ich ein riesiger Free Willy Fan. Lange zierten Poster von Orca Walen und Delfinen die Wände meines Kinderzimmers. Einen Orca Wal mal "live" zu sehen, das war bereits damals mein Traum, und an diesem Tag sollte er endlich in Erfüllung gehen.

Die weitläufige Anlage von SeaWorld ist grundsätzlich eine Mischung aus Vergnügungspark und Zoo. Die Fahrgeschäfte waren für mich allerdings uninteressant, da ich ihnen noch nie viel abgewinnen konnte, und so blieb mir umso mehr Zeit für die Tiere. Zu diesen gehörten u. a. Delfine, Belugawale, Walrosse und Pinguine. Natürlich wurden auch diverse Shows angeboten, von denen mir zwei besonders im Gedächtnis geblieben sind: Ein wirklich gut gemachter und inspirierender 360° 3D Film über das Leben einer Schildkröte sowie die liebevoll und sehr unterhaltsam gestaltete Aufführung der Seelöwen. Die Orca Show hingegen beeindruckte mich überraschender Weise wenig. 

Eingangsbereich SeaWorld

Delfin

Schildkröte

Delfin Show

Seelöwen Show

Orca Show

mein Mittagessen

Deutlich mehr faszinierte es mich da, einen der Orcas in einem separaten Bereich einfach nur beim Spielen zu beobachten. Im Becken war außerdem noch ein zweiter Orca, der anfangs schlief. Hierbei handelte es sich um Tilikum, einen der größten in Gefangenschaft lebenden Schwertwale (der mittlerweile allerdings verstorben ist). Als er schließlich aufwachte und mit seiner beeindruckenden Länge von ca. 7 m direkt an mir vorbeizog, fühlte ich mich ein bisschen wie Jesse, der zum ersten Mal Willy vorbei schwimmen sieht und dabei vor Staunen den Mund nicht zu bekommt.

Trotz aller Faszination, bleibt aber natürlich auch ein flaues Gefühl bezüglich des Wohls der Tiere zurück. Dass die Bassins für die Wale viel zu klein sind, ist offensichtlich. Das gilt im Grunde vermutlich für alle Bewohner von SeaWorld, wird aber gerade bei den Orcas besonders deutlich. Eine Grundsatzdiskussion darüber zu führen, ob Tiere überhaupt in irgendeiner Weise eingesperrt oder dressiert gehören, führt an dieser Stelle aber zu weit. Für mich geht es jedoch auch weniger um diesen Grundsatz an sich als vielmehr um die Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden.

In dieser Hinsicht schlagen also definitiv zwei Herzen in meiner Brust und der ein oder andere mag es vielleicht scheinheilig finden, einerseits für Free Willy zu brennen und sich dann andererseits an den in Gefangenschaft lebenden Tieren zu erfreuen. Rückblickend kann ich jedoch nur sagen, dass ich oft an diese Begegnung zurückdenke und es für mich ein sehr besonderer und einzigartiger Tag gewesen ist.

Orca Wal beim Spielen

"Salanaa Eiyung Ayesis."

Orca

Tilikum

Der zweite Tag hatte einen völlig anderen Fokus, war aber mindestens genauso spannend und beeindruckend. Zuerst ging es in den Freizeitpark Universal's Island of Adventure. Hier befinden sich viele Attraktionen, die von bekannten Kinofilmen inspiriert wurden, wie z. B. Spiderman oder Harry Potter. Der Bereich zu letzterem war dann auch mein erster (und zugleich wichtigster) Anlaufpunkt.

Schon von der Ferne konnte man das Schloss Hogwarts sehen, welches über den schneebedeckten Dächern - was bei Temperaturen von über 30° C und strahlendem Sonnenschein leicht irritiert- von Hogsmeade aufragt. Im Dorf gab es allerlei Geschäfte, wie z. B. Zonkos Scherzartikelladen, eine Eulenpost und natürlich den Honigtopf, in dem es Bertie Botts Bohnen in verschiedenen Geschmacksrichtungen zu kaufen gab. Diese sind zwar - wie alles in den Studios - völlig überteuert, haben aber tatsächlich alle möglichen Geschmacksrichtungen: Ich schwöre, dass eine Bohne nach Erde geschmeckt hat, was ich aber immer noch besser fand als Ohrenschmalz ;) Im Wirtshaus "Drei Besen" probierte ich außerdem ein Butterbier: Eine braune Flüssigkeit mit Sprudel und einer Schaumkrone. Empfehlen kann ich es aber nicht, mir hat es jedenfalls nicht geschmeckt.

Hogsmeade

Hogwarts Express

Gepäck

Honigtopf

Bertie Botts Bohnen

Eulenpost

Butterbier

Auch sonst wurde viel geboten: Auf einer Bühne sangen abwechselnd der Schulchor oder tanzten die Mädchen der Beauxbatons Schule. Richtig toll gemacht war außerdem der Besuch im Zauberstabladen von Mr. Ollivander, der zwar streng genommen nicht nach Hogsmeade, sondern in die Winkelgasse gehört, aber da wollen wir mal nicht kleinlich sein. In einer kurzen Darbietung sucht sich der Zauberstab einen ausgewählten Zauberer aus und wenn dieser ihn Empfang nimmt, erscheint ähnlich wie im Film ein Licht und ein Wind braust auf. Da leuchten nicht nur die Augen der kleinen Kinder.   

Ein weiteres Spektakel war der sogenannte Harry Potter Simulation Ride. Während der Fahrt folgt man Harry auf einem Flug mit dem Besen über das Gelände von Hogwarts und begegnet dabei u. a. dem ungarischen Hornschwanz und Aragog. Für besondere Unterhaltung bei den Mitreisenden in meinem Abteil sorgte ich, als ich dem bedrohlich auf uns zukommenden Dementor lauthals "Expecto patronum" entgegenrief. Ein bisschen Spaß muss sein. Und weil das Ganze so klasse war, stellte ich mich direkt noch einmal für eine zweite Fahrt an.

Tanz der Mädchen aus der Baeuxbatons Schule

bei Ollivanders

Hogwarts

der sprechende Hut

Souvenirladen

Weitere Höhepunkte waren eine Live Show zum Film Sindbad, bei der beeindruckende Stunts vorgeführt wurden, eine Flussfahrt durch die Kulissen von Jurassic Park und besonders ein Spiderman 3D Ride, der unglaublich realistisch wirkte. Viele der Attraktionen waren natürlich mit Wartezeiten verbunden. Einen zeitlichen Vorteil verschaffte ich mir aber, in dem ich regelmäßig die sogenannten Single Rides nutzte. In dieser separaten Warteschlange verzichtet man auf das Privileg neben einem Wunschpartner zu sitzen, da man sich als Einzelperson einreiht und somit meistens als "Auffüller" fungiert, wenn irgendwo noch ein Platz frei ist. Da ich aber ohnehin allein unterwegs war, machte mir das nichts aus, und ich kam deutlich schneller voran.

Mühle

der Lorax

Sindbad Show

Jurassic Park

"People Dryer"

Zum Nachmittag ging es dann in die unmittelbar nebenan gelegenen Universal Studios, wo ebenfalls einige tolle Sachen auf mich warteten: Angefangen von einem 4D Film mit Shrek, bei dem man die Spinnen förmlich an den Beinen hat hochkrabbeln spüren, über lebensgroße Simpsons- und Disneyfiguren, bis hin zu einer Terminator Live Show und vielem mehr. Darüber hinaus konnte man einen Transformers 3D Ride sowie einen "Disaster Ride" miterleben, bei dem ein Erdbeben in einer U-Bahn simuliert wird. Etwas ruhiger ging es da zur Abwechslung in den vergleichsweise einfach und alt wirkenden Kulissen von E.T. zu, wo man auf einem "fliegenden Fahrrad" seicht an eine unechten Mond vorbeischwebt.

Chief Wiggum

Milhouse

Ärger für Bart

Universal Globe

Schnappschuss auf dem Weg zurück ins Hostel

Nach zwei solch aufregenden und ereignisreichen Tagen, brauchte ich erst einmal eine kleine Verschnaufpause und lies es daher am Folgetag gemütlich angehen. Dennoch versuchte ich so wenig wie möglich Zeit im Inneren des Hostels zu verbringen, denn es war leider das mit Abstand ekeligste, in dem ich auf dieser Reise übernachten sollte. Überall war es staubig und es gab Dreck an Stellen, an denen keiner hingehörte. Manchmal bin ich tatsächlich ganz dankbar, ohne Brille nicht so viel erkennen zu können, getreu dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. In Summe muss ich allerdings sagen, dass ich fast immer gut untergekommen bin und glücklicherweise nicht ein einziges Mal mit unangenehmen Problemen wie Bettwanzen, Fußpilz und derlei konfrontiert wurde.

New Orleans

Von Houston ging es mit dem Bus weiter nach New Orleans, auch bekannt als die "Wiege des Jazz". Nicht, dass ich mir jemals besonders viel aus Jazz gemacht hätte, dennoch hat sich der Besuch durchaus gelohnt. Auf dem Weg zu einer ersten Erkundungstour durch die Stadt kam ich an der Straßenbahnhaltestelle mit Matt ins Gespräch, der im selben Hostel wohnte und für die nächsten Tage zu meinem Begleiter wurde. Wir erkundeten gemeinsam u. a. das French Quarter, den ältesten Stadtteil von New Orleans, die Promenade "The Moon Walk" am Ufer des Mississippi, das Garden District sowie verschiedene Parkanlagen.

Unterwegs kehrten wir kurz an einer Tankstelle ein, weil Matt auf die Toilette musste. Während ich auf ihn wartete, vertrieb ich mir die Zeit mit dem Studium der reichhaltigen Getränkeauswahl. Meinen angesichts des Überangebots an zuckerhaltigen Durstlöschern ratlosen Blick richtig deutend, bot mir der nette Tankwart umgehend seine kompetente Hilfe an. Er empfahl mir die Marke Dr. Pepper, welche mir in der Tat schon öfter begegnet war, und ich gestand, dass ich diese noch nie probiert hätte. Weil das natürlich inakzeptabel war, schenkte er mir prompt eine gratis Kostprobe in der kundenfreundlichen Probiergröße von 0,5 l. Das war wirklich nett. Meine Bewertung des hoch angepriesenen Getränks fällt allerdings nur so lala aus: Schmeckt ziemlich süß, ein bisschen wie Kirschcola.

Den Abend verbrachten wir nach einem leckeren Abendessen im Chicki Wah Wah in gemütlicher Atmosphäre mit Bier auf der Terrasse am Pool. Dort traf ich auch Dallas aus Dallas wieder, der ein paar Tage später nach New Orleans gekommen war und per Zufall ausgerechnet im selben Hostel landete wie ich. Manchmal ist die Welt eben ein Dorf.

"The Moon Walk" am Mississippi

Louis Armstrong Park

Stanley of New Orleans

Jackson Square mit St. Louis Cathedral

Garden District

Am Pool

Den darauffolgenden Tag läuteten wir mit einem ausgiebigen Frühstück bei Stanleys ein und schlenderten anschließend über den Markt "French Market Place", wo es u. a. frisches Obst und Gemüse gab. Außerdem besuchten wir spontan das örtliche Casino und verspielten erfolglos ein paar Dollar an den Slot Maschinen.

Während wir durch die Stadt bummelten, kamen wir irgendwann auf das Thema Alkohol zu sprechen und ich erklärte Matt, was ein Radler ist. Das kannte er nicht, weil es in den USA recht unpopulär ist. Er wollte es aber gern probieren, sodass wir uns eine Besonderheit der Stadt zu Nutze machte: Fast überall in den USA ist der Genuss von Alkohol auf öffentlichen Freiflächen nämlich verboten. Das Touristenviertel in New Orleans bildet hier jedoch eine seltene Ausnahme. Also kauften wird uns im nächsten Laden überteuertes Bier und Sprite, um diese miteinander zu vermischen. Zu dem Bier bekamen wir außerdem so kleine braune Papiertütchen wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, denn man darf Alkohol tatsächlich nur dann auf der Straße trinken, wenn er total unauffällig in dieser Papiertüte eingepackt ist. Der Sinn davon erschloss sich mir zwar nicht, geschmeckt hat es uns aber trotzdem.

Ebenfalls sehr spontan und aus dem Gespräch heraus entschieden wir uns auf einer nahe gelegenen Driving Range, also einem Übungsplatz für Golfer, ein paar Bälle zu schlagen. Ich hatte das noch nie gemacht und wollte es sowieso schon immer mal ausprobieren, da war die Gelegenheit günstig. Auf der Driving Range angekommen liehen wir uns Schläger und einen Eimer mit 100 Bällen und schon konnte es los gehen. Der Abschlag erfolgt von Kunststoffmatten in einer Abschlaghütte, die Bälle werden später wieder von einer Ballsammelmaschine eingesammelt. Alles in allem also eine sehr bequeme und simple Sache.

Schnell stellte ich allerdings fest, dass auch Golfen - wie so vieles - deutlich leichter aussieht als es in der Praxis tatsächlich ist. Jedenfalls war es gar nicht so einfach den Ball richtig zu treffen, damit er dann auch wirklich weit fliegt. Zum Ende hin wurde es aber immer besser und vor allem hat es richtig viel Spaß gemacht. Einziges Manko waren ein paar ziemlich üble Blasen, die sich an meinen Händen gebildet hatten und mich danach noch eine Weile schmerzhaft begleiteten.

Anschließend machten wir uns zu Fuß auf den Rückweg. Da wir ziemlich erschöpft waren und die Sonne vom Himmel brannte, hatte Matt die Idee zu trampen. Ich stimmte zu, denn ihn als Begleitung zu haben schien mir Sicherheit genug zu sein, und tatsächlich hielt keine Minute später eine junge Frau an, um uns die restlichen 2 km mit in die Stadt zu nehmen. Zur Beruhigung meiner Mama: Es war und blieb das einzige Mal in meinem bisherigen Leben, dass ich getrampt bin und es war ziemlich unspektakulär ;) Die Fahrerin war dann auch etwas überrascht von sich selbst und beteuerte sie hätte noch nie jemanden mitgenommen und wisse gar nicht genau, wieso sie eigentlich angehalten habe. Offenbar waren wir ihr einfach direkt sympathisch.

Am Abend aßen wir lecker im Hard Rock Café. Im Anschluss wartete dann die Bourbon Street auf uns, die bekannt ist für ihre vielen Bars und das touristische Herz des French Quarters bildet. In Erwartung eines unterhaltsamen Abends wurden wir aber leider ziemlich enttäuscht. In Erinnerung geblieben sind mir jedenfalls vor allem die unangenehmen Gerüche und die viele unterschiedliche Musik, die zeitgleich aus bis zu drei verschiedenen Bars drang. Alles in allem war es laut, bunt und nicht mein Fall, sodass wir uns frühzeitig zurück ins Hostel begaben.

im Casino

selbstgemischtes Radler

City Park

Matt beim Abschlag

ich, beim Versuch es ihm nachzumachen

Bourbon Street

Für den letzten Tag hatten wir keine großen Pläne und verbrachten die meiste Zeit lesend oder mit Spazierengehen im Louis Armstrong Park. Am Abend gab es für jeden von uns eine große Portion Sushi. Tags darauf trennten sich unsere Wege in unterschiedliche Richtungen: Für mich ging es weiter nach Orlando, für Matt nach Costa Rica.

Ein paar Tage später postete er den nachfolgenden Beitrag auf Facebook. Ein schöneres Kompliment kann man als temporärer Reisepartner wohl nicht bekommen. Im Herbst 2015 erhielt ich sogar eine Einladung zu seiner Hochzeit auf Hawaii, konnte diese aber bedauerlicher Weise nicht annehmen. Im Alltag der vergangenen Jahre hat sich der Kontakt dann leider verloren. Ich habe mir aber vorgenommen Matt und seine Frau, die mittlerweile in Durango wohnen, während meiner nächsten USA-Reise zu besuchen.

Matt's Facebook Eintrag

Zeitsprung 2014 → 2020

Lange ist es still gewesen in diesem Blog, nun wird es Zeit für ein Lebenszeichen. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2020 und meine USA Reise liegt bereits 6 Jahre zurück. Verrückt, wie schnell die Zeit vergeht. Dem Aufenthalt in Texas aus dem letzten Eintrag folgten jedenfalls noch weitere Stationen an anderen tollen Orten - insbesondere im Süden und an der Ostküste der USA - bevor es dann Ende Juni 2014 schließlich wieder zurück nach Hause ging.

In den darauffolgenden Jahren standen dann zunächst einige andere Destinationen auf dem Programm. Nach Urlauben auf Madeira, in Spanien, Dubai, Kroatien, Kanada und China sowie diversen Städtetrips in Europa sollte es dieses Jahr aber endlich mal wieder in die USA gehen. Aufgrund der aktuellen Situation rund um COVID-19 verschiebt sich dieser Aufenthalt nun allerdings aufs kommende Jahr.

Nichtsdestotrotz hatte ich mir in Vorfreude auf diese Reise den Blog noch einmal durchgelesen und mich dabei über so manches Ereignis amüsiert. Gleichzeitig habe ich mich aber auch darüber geärgert, letztlich doch nicht genug Durchhaltevermögen besessen zu haben, um bis zum Schluss über das Erlebte zu berichten. Einen Blog zu schreiben ist eben Fleißarbeit, kostet Zeit und erfordert Disziplin. Am Ende ist es die Mühe allerdings wert.

Das ist auch der Grund, warum ich beschlossen habe, die fehlenden Einträge - wenn auch arg verspätet - nun doch noch nachzuholen. Natürlich geschieht das nun aus einer anderen Perspektive, macht es deswegen aber nicht weniger interessant. Also sei es drum - besser spät als nie.

Sonntag, 8. Juni 2014

Texas (Austin – San Antonio – Houston)

Noch ein paar Tage zuvor hatte ich mit meiner Familie geskypt und verkündet, dass ich im Sinne von mehr Qualität als Quantität nun doch auf Texas verzichten und direkt nach New Orleans fliegen würde. Wie aber so oft, kam es am Ende anders als geplant. Denn als ich nach Flügen suchte, musste ich feststellen, dass die Flüge nach Austin nur halb so teuer waren wie die nach New Orleans. Das interpretierte ich als Zeichen, dass ich Texas wohl doch besuchen sollte und machte die Buchung fix. So flog ich am 13. Mai (ja ich weiß, der Blog ist nicht gerade aktuell, aber ich arbeite dran) mit einem kurzen Zwischenaufenthalt am Flughafen in Salt Lake City nach Austin, Texas.

Austin selbst ist vor allem für seine Live-Musik-Szene bekannt und hat darüber hinaus auch ehrlich gesagt nicht besonders viel zu bieten. Ein Tag ist völlig ausreichend, um die wichtigsten Dinge zu Fuß zu erkunden. Sehenswert ist vor allem das State Capitol, welches sogar größer ist als das Kapitol in Washington D.C. sowie das South Congress District mit seinen kleinen Shops, Bars und Essensständen.

San Francisco aus der Vogelperspektive

State Capitol



Austin Skyline

Cupcakestand

Am zweiten Tag machte ich einen Ausflug nach San Antonio, welches nur ca. eineinhalb Stunden Busfahrt von Austin entfernt und somit quasi direkt nebenan liegt. Begleitet wurde ich dabei von Dallas aus Dallas, den ich beim außerordentlich guten Frühstück (Cornflakes mit Milch, frisches Obst, guter Kaffee, Toast und Muffins, sogar Nutella) im Hostel kennen gelernt hatte. Er benahm sich die meiste Zeit wie ein großes Kind, was manchmal ein bisschen anstrengend, meistens aber ziemlich unterhaltsam war.

Die Hauptattraktion in San Antonio ist der River Walk. Entlang des San Antonio Rivers kann man wunderbar spazieren gehen. Außerdem reihen sich an einigen Abschnitten gemütliche Bars und Restaurants aneinander, die zu einer kurzen Rast einladen. Da kann man auch schon mal mittags um 1 Uhr eine Margarita trinken ;) Wir waren ja schließlich im Urlaub, nicht?! Außerdem besichtigen wir noch das Alamo Mission House, eine zum Fort ausgebaute ehemalige Missionsstation.

River Walk


Alamo


Restaurant am River Walk

Da mir die Entfernung zwischen Austin und New Orleans zu groß und die Busfahrt in einem Stück daher zu lang war, entschied ich mich dafür, einen Zwischenstopp in Houston einzulegen. Das sollte sich in Vielerlei Hinsicht als gute Idee herausstellen. Das Hostel z. B. war wirklich toll: Sehr sauber und ordentlich, mit Pool, gemütlichem Balkon, gutem Frühstück und einem exzellenten Buchaustausch. Ich hatte nämlich günstig den ersten Teil der Divergent Trilogie erworben und diesen gerade beendet. Nun lachte mich im Bücherregal der zweite Teil an und ich konnte die Reihe somit nahtlos fortsetzen. Schon allein dafür hatte sich der Aufenthalt gelohnt.

Darüber hinaus informierten die Mitarbeiter des Hostels täglich an einer Tafel über die aktuellen Events in der Stadt. Als ich nachmittags ankam und diese Liste studierte, stellte ich überrascht fest, dass die Band Jimmy Eat World am Abend ein Konzert spielen sollte. Dallas war ebenfalls nach Houston gefahren, übernachtete aber in einem anderen Hostel. Ich schrieb ihm eine Nachricht und er holte mich mit dem Auto ab. Wir wussten zwar nicht, ob es überhaupt noch Tickets gab, geschweige denn wie viel diese kosten sollten, aber wir wollten es zumindest versuchen. Vor dem Eingang trafen wir dann zufällig auf einen Typen, der uns fragte, ob wir kostenlose Tickets haben wollen. Wir sagten „Ja, sicher!“ und er meinte nur, er hätte zwei übrig und wir sollten ihm dann einfach drinnen einen Drink kaufen. Okidoki und schon waren wir drin. Die Kosten für den Drink übernahm freundlicherweise Dallas – so muss das sein.



Am nächsten Morgen studierte ich erneut die Liste und erfuhr so, dass am Abend ein Roller Derby stattfinden sollte. Seit ich den im Film „Roller Girl“ gesehen hatte, war ich neugierig darauf, diesen Sport einmal live zu erleben. Viele wissen vermutlich nicht was genau das eigentlich ist. Deshalb möchte ich die Regeln an dieser Stelle kurz erklären: Roller Derby ist im Wesentlichen ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen, der überwiegend von Frauen ausgeführt wird. Gespielt wird auf einer 30 x 18 m großen ovalen Bahn, wobei entgegen des Uhrzeigersinns gelaufen wird. In zwei Hälften à 30 Minuten werden jeweils so viele maximal zweiminütige „Jams“ gefahren wie möglich. Jedes Team besteht dabei aus fünf Personen. Je eine Person im Team ist der sogenannte Jammer, dessen Aufgabe es ist, durch das Überrunden gegnerischer Spieler Punkte zu erzielen. Die restlichen vier Spieler des Teams sind die Blocker. Sie sollen zum einen den Weg für den eigenen Jammer frei halten, um ihm beim Überrunden der Gegner zu unterstützen, und zum anderen den gegnerischen Jammer am Vorbeikommen hindern. Das Behindern anderer Spieler erfolgt dabei nicht nur durch positionelle Blockaden, sondern auch durch direkten Körpereinsatz. Es wird also fleißig gedrängelt, geschubst und gestoßen. Aufgrund der permanenten Action ist das Spiel ziemlich kurzweilig und auf jeden Fall ein Vielfaches spannender als Baseball. Mir hat es jedenfalls ganz gut gefallen, auch wenn weniger spektakulär war als ich es mir vorgestellt hatte.

Der Rückweg zum Hostel gestaltete sich dann noch unerwartet schwierig. Wir hatten das Auto in einer öffentlichen Tiefgarage abgestellt, uns aber weder die Farbe des Parkdecks noch den Buchstaben für die Reihe gemerkt. Dummerweise war das Parkhaus riesig. Es war genau genommen so groß, dass sogar ein Fahrdienst eingesetzt wurde, der die Fahrer zu ihren Autos brachte oder ihnen bei der Suche danach half, wenn sie die Orientierung verloren hatten. Eines dieser Fahrzeuge, die Ähnlichkeit mit einem Golfmobil hatten, gabelte schließlich auch uns auf. Als wir dem Fahrer mitteilten, dass wir weder Farbe noch Buchstaben kennen, sank dessen eh schon schlechte Laune auf den Tiefpunkt. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Letztlich konnte ich auch nicht wirklich sauer auf Dallas sein, ich hatte ja schließlich auch nicht aufgepasst wo wir geparkt hatten, aber verdammt, ER war der Fahrer und es war SEIN Auto. Nach ungefähr einer halben Stunde erfolgloser Suche wurden wir dann schließlich doch noch fündig. Die Erleichterung des Fahrers war vermutlich genauso groß wie unsere. Im Nachhinein ist so etwas immer eine lustige Gesichte und irgendwie hat es auch Spaß gemacht, mit dem Golfmobil durch die Tiefgarage zu heizen, aber in solchen Momenten denkt man sich einfach nur „Aargh, warum?“.




Bevor ich zum Roller Derby fuhr, wartete außerdem noch ein Erlebnis der besonderen Art auf mich. Im Hostel hatte ich mich zuvor mit Diego, einem meiner Zimmergenossen, unterhalten und irgendwie waren wir auf das Thema gekommen, dass ich Hunger hatte und gern Nudeln essen gehen wollte. Er erzählte mir, dass er im Restaurant um die Ecke arbeitet, sie ausgezeichnete Spaghetti hätten und ich doch einfach später vorbei kommen sollte. Das tat ich dann auch.

Schon von außen sah das Restaurant elegant und teuer aus. Ich hatte Diego jedoch zugesichert, dass ich vorbei kommen würde und wollte nun keinen Rückzieher machen. Also trat ich ein. Mir wurde unmittelbar ein Kellner zugeteilt, der mich zu meinem Tisch geleitete, mir beim Hinsetzen half, meinen Stuhl heran rückte und eine große weiße Serviette auf meinem Schoß ausbreitete. Neben dem Teller lagen natürlich jeweils drei Messer und Gabeln und ich war froh, dass ich aus „Titanic“ wenigstens wusste, dass man sich von außen nach innen vorarbeiten muss. Ein bisschen fühlte ich mich auch wie Jack – ein Passagier der dritten zu Gast in der ersten Klasse – nur glänzte ich im Gegensatz zu ihm leider nicht wie ein neuer Penny. In meinem 08/15 T-Shirt, meiner zerschlissenen Jeans (die, dich ich nähen musste) und meinen schmutzigen Turnschuhen war ich für dieses todschicke Ambiente leicht underdressed.

Als erstes bekam ich die Weinkarte. Das günstigste Glas kostete 9 USD. Ich ließ den Kellner wissen, dass ich dann wohl doch nur bei Wasser bleiben würde und bekam das Menü. Spaghetti mit Fleischbällchen waren mit 22 USD eines der günstigsten Gerichte. Ich bestellte und damit ich nicht schon verhungerte bis mein Essen kam, brachte man mir einen Teller mit Öl und ein noch viel größeres Tablett voll mit verschiedensten Brotsorten. Das Brot, für das ich mich entschied, wurde dann mit einer Zange vom Tablett genommen und mir auf einem separaten Teller serviert. Natürlich – wie sollte es anders sein – kleckerte ich beim Verzehr des Brotes mit dem Öl auf die schöne weiße Tischdecke, vertuschte dies aber gekonnt, indem ich den Teller darüber schob.

In der Zwischenzeit kam Diego kurz an meinen Tisch und zeigte sich erfreut über meinen Besuch. Mein Kellner registrierte unsere Bekanntschaft, verwickelte mich daraufhin in ein Gespräch und schwatzte mir am Ende doch noch ein Glas Merlot auf. Ein zweites lehnte ich später dankend ab. Als mir dann meine Spaghetti serviert wurden, kam extra noch ein zweiter Kellner daher, der mir dann vor meinen Augen solange den Käse auf die Spaghetti raspelte bis ich ihm sagte, dass es genug sei. Das war mir so unangenehm. Ich hätte eigentlich mehr Käse gewollt (je mehr, desto besser – vor allem auf Spaghetti), aber ich konnte den Kellner auch irgendwie nicht stundenlang vor meiner Nase Käse raspeln lassen. Ich fürchte, ich bin für diese Art von Restaurant einfach nicht gemacht.

Nachdem ich fertig diniert hatte, ließ ich mir den Rest einpacken, denn natürlich war die Portion mal wieder viel zu groß für mich. Diego brachte mir dann höchstpersönlich mein kleines Päckchen und ich nutzte die Gelegenheit, um ich bei ihm nach den Zahlungsmodalitäten zu erkundigen, da ich mit den Gepflogenheiten in einem solch edlen Etablissement nicht ganz vertraut war. Da lachte er nur, winkte ab und sagte, darüber solle ich mir keine Sorgen machen, das gehe alles aufs Haus. Ungläubig verließ ich das Lokal. Ich glaube, ich habe auf dem ganzen Rückweg zum Hostel gelacht.

Von der Stadt selbst habe ich am Ende also eigentlich gar nichts gesehen (was vermutlich auch nicht besonders schlimm ist). Dafür habe ich aber einige wirklich coole und interessante Dinge erlebt. Das ist am Ende wahrscheinlich viel mehr wert. Ich verbinde mit Houston jedenfalls eine gute Zeit. Einige mögen sich vielleicht noch fragen, wie ich in Houston gewesen sein kann ohne das Raumfahrtcenter besichtig zu haben. Ich habe mich ehrlich gesagt bewusst dagegen entschieden. Erstens liegt es ein ganzes Stück außerhalb der Stadt und zweitens habe ich gehört, dass es ein bisschen wie Disneyland sein soll, da viele Besucher Kinder sind, die dann überall herumtoben und an allem herumspielen. Außerdem war ein entspannter, sonniger Tag auf dem Balkon einfach zu verlockend ;) 

Houston bei Nacht